Dr. Reinhard Sprenger ist passionierter Musiker.
Dr. Reinhard Sprenger – Führungsexperte und spezialisiert auf Konfliktmanagement.

Wer fragt, der führt – an der Nase herum

Wer fragt, der führt – an der Nase herum

Was denkst du? Woher kommst du? Warum hast du das getan? Brauchst du das Geld? Kannst du mir das mal erklären? Wie konnte das passieren? Wie geht es dir? Willst du Kinder? Existiert Gott? - Fragen über Fragen. Viele kommen nett und teilnehmend daher. „Wer fragt, gewinnt den anderen für sich“ wurde vor einigen Wochen an dieser Stelle getitelt. Mehr noch: Wenn uns niemand fragt, fühlen wir uns übergangen: „Mich fragt ja keiner!“ Manche interessieren sich sogar dafür, was das Volk denkt. Das trieb schon den orientalischen Märchenprinz Harun-al-Rashid nachts unter die Leute. Heute gelten Meinungsumfragen als bewährte Methodik. In den Unternehmen befragt man Kunden und Mitarbeiter. Auch politische Parteien, das ist der aktuelle Anlass dieser Gedanken, greifen zunehmend zu diesem Mittel. Sie wollen, so sagen sie, ein Stimmungsbild der Parteibasis erhalten. Das mag man als wertschätzende Geste begrüssen, als legitimatorisches Selbstberuhigungsritual belächeln oder als ideologischen Offenbarungseid kritisieren.

Meine Absicht, die Frage in Frage zu stellen, zielt nicht vorrangig auf die politisch korrekte Rücksicht, die von einer Frage unterlaufen werden kann (Woher kommst du?), sondern zunächst auf die Verheißung des aufschlussreichen Blicks: Weiss man nachher wirklich mehr? Fragen sind nämlich erkenntnistheoretisch zunächst keine Fragen. Sondern Aussagen. In ihnen sind Thesen, Annahmen, Erwartungen eingelassen, die auf den ersten Blick nicht kenntlich sind. Wird zum Beispiel gefragt: „Kümmert sich unsere Partei hinreichend um ökologische Fragestellungen?“, dann stecken darin mindestens vier Aussagen: 1) dass ökologische Fragestellungen für die Partei wichtig sind, 2) dass sie für Wähler wichtig sind, 3) dass sie die Partei möglicherweise zu wenig beachtet, und 4) dass die Partei das ändern könnte.

Die Antwort geht mithin der Frage voraus. Man kann nur fragen, was man der Möglichkeit nach weiss. Deshalb erhebt sich die Frage. Sie erhebt sich vor dem Hintergrund ganz bestimmter Einschliessungen und Ausschliessungen – erschafft also Wirklichkeit, bildet sie nicht ab. Die Frage versteckt aber nicht nur diese Realitätserzeugung, sie versteckt auch den Autor. Er geht für den vorausgesetzten Antworthorizont nicht in die Verantwortung, bleibt gleichsam in Deckung. Das ist als rhetorisches Mittel sehr beliebt – die Reden Hitlers und Goebbels war gespickt davon. Manchmal liest man ganze Fragenkaskaden (leider auch in dieser Zeitung), die nicht nur die Kraft der angedeuteten Aussagen schwächen, sondern auch die Haftbarkeit von Aussagen umgehen. Man hat ja – „nur gefragt“.

Was man hingegen nicht erwartet, wird auch nicht befragt. Wer sich z.B. – wie im obigen Fall - für ökologische Fragen nicht interessiert, kommt nicht zur Geltung. Deshalb ist auch kein „überraschendes“ Ergebnis möglich. Diese Überraschungsfreiheit kann der psychologische Gefechtstand steuern: Jede Frage engt ein, verengt den Blickwinkel auf das Befragte, blendet anderes aus. Man kennt das Überspielen durch Fragen als alten Gaunertrick. Damit kann man den anderen beschäftigen, irritieren, leiten. Mangel an Interesse kann man uns ja nicht vorwerfen. Wenn z.B. der fragenstellende, schlichtweg ungeeignete Parteivorsitzende das eigentliche Problem darstellt … dann sucht man den Autoschlüssel unter der Strassenlaterne, aber nicht in der Dunkelheit, wo er aus der Tasche fiel. Diese Maskeraden fasst die Führungspsychologie bündig zusammen: Wer fragt, der führt. Die Ver-Führungskunst der Führung besteht dann darin, die richtigen Fragen und die Fragen richtig zu stellen.

Die lenkende Fokusverengung könnten die sogenannten „offenen Fragen“ lindern. Sie verweigern sich jedoch der messbaren Auswertbarkeit und sind deshalb in ihrer qualitativen Vielgestaltigkeit kaum zu operationalisieren. Zudem verzerren auch sie den Realitätsbezug. Der Befragte wird ja nicht von sich aus aktiv, sondern wird zur Reaktion genötigt. Er sagt nicht, er antwortet. Dann hat er sich dem Wirklichkeitsentwurf unterworfen. Der Befragte steckt zudem in der Klemme, dass er vom Frager eingeladen ist, sich frei zu entscheiden, bei einem Spiel mitzuspielen, bei dem er vielleicht gar nicht mitspielen will. Etwa antworten zu müssen auf die Frage „Liebst du mich?“. Das bedrängt uns, bringt uns in die Defensive. Für Freiheitsfreunde müsste sich das verbieten.

Es geht mithin um subtile Machtanmassung, die Frager und Befragte trennt (dafür hatten die Boykotteure der deutschen Volkszählung 1987 noch ein Gefühl). Oder auch weniger subtil, wenn der Sheriff im Kino sagt: „Ich stelle hier die Fragen!“ Manche Menschen spüren das Bedrängende des Fragens. Sie leiten dann ihre Frage ein mit „Darf ich fragen, ....?“ Sie spüren, dass sie dem anderen zu nahe treten können und machen sich vorsorglich kleiner.

 Denn Schweigen ist ja auch eine Antwort. Von der Beteiligung an einer Befragung wird die Moral der Befragten abgelesen. So würde sicher mancher der Befragung fernbleiben, wenn er nicht gerade dadurch unmissverständlich antworten würde. Dem Befragten wird also nicht nur Gelegenheit geboten, sich am Beifall zu beteiligen, seine Antwort ist Beifall. Nicht was er antwortet ist vorrangig, sondern dass er antwortet. Man darf ihm kaum ernstlich einen Vorwurf machen, wenn er sein Nein verschweigt und sich in die Phalanx der müden Claqueure einreiht.

Im Extremfall muss der Befragte befürchten, dass die Antwort auf ihn zurückfällt: „Ist das dein Sohn, Tell?“ Das ist keine Frage, sondern eine Drohung. Gewährt man huldvoll Anonymität, ist das zynische Menschenbild mit Händen zu greifen: „Wir trauen Dir nicht zu, da du zu deinem Wort stehst! Wir anerkennen in dir nicht den mündigen, erwachsenen Bürger!“ Eine doppelte Obszönität: erst invasiv durch die Befragung, dann entmündigend durch den Schutz. Damit wird das Oben-Unten-Muster noch weiter aufgetürmt, was die Befragung zu untertunneln vorgibt. Wer nichts zu sagen hat, wird befragt.

Sodann die Spätfolgen: Jede Befragung erzeugt Erwartungen. Anfangs sind sie getragen von Enthusiasmus des Wertgeschätztwerdens. Der Begeisterung folgt jedoch regelmässig die Enttäuschung: darüber, dass die Befragung eben nur eine Befragung ist, keine Wahl. Kein caesarischer Akt der Allmacht, der die gewünschten Verhältnisse herstellen könnte. Nach einigen Befragungs-Gewittern verdursten dann auch die letzten Vorfreuden: „Schon wieder eine Befragung...“ Im Erleben der Befragten erzeugen sie Berge papierener Vergeblichkeit.

Sokrates hat das Manipulative des Fragens perfekt vorgeführt. Nie hat er etwas wissen wollen, immer hat er schon gewusst. Und den Befragten zum Stichwortgeber degradiert. Die Fragen waren so ausgerichtet, dass sich die vorausberechneten Antworten von selber einstellen. Der Antwortende als Depp.

Zugegeben: Fragen können der Absicht nach integer sein. Ihrer Wirkung nach sind sie es nicht. Ob ihre Wirkung allerdings immer so problematisch ist, wie hier dargestellt, das mag man bezweifeln. Wie viele Spielarten menschlichen Handelns ist auch das Fragen kontext-sensibel. Es wird Situationen und Beziehungen geben, in denen die Frage kaum problematische Wirkungen entwickelt. Und es macht auch einen Unterschied, ob man von der Polizei, dem Chef,  der kleinen Tochter oder der Parteiführung befragt wird. Es gibt auch reine Sachfragen. Fragen, die mindestens nicht die Absicht haben, den anderen einzuengen (obwohl sie es tun). Etwa: „Wie spät ist es?“ Es sei dem Leser überlassen, die Häufigkeit solcher Sachfragen gegen die Fragen mit hinterlegten Unterstellungen und Verführungen abzuwägen. Mir geht es hier darum: Wenn ein Mensch schweigt, hat er dafür Gründe. Gründe, die zu respektieren sind und nicht ins grelle Licht der Schamlosigkeit gehören. Antworten lügen. Nur das, was ein Mensch sagt, entspricht seiner Wirklichkeit – was er unbefragt sagt. Vor allem aber: Antworte niemandem, der lauert! Sonst spielen beide, Befrager und Befragter, im Spiel der Desinteressierten mit Formeln des Interesses. G. Ch. Lichtenberg brachte das schon vor zweihundert Jahren auf den Punkt: „Wie geht’s, sagte ein Blinder zu einem Lahmen. Wie Sie sehen, antwortete der Lahme.“

 

 

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