Dr. Reinhard Sprenger ist passionierter Musiker.
Dr. Reinhard Sprenger – Führungsexperte und spezialisiert auf Konfliktmanagement.

Verdienste und Verdienen

Verdienste und Verdienen

Wirtschaftswoche Logo

„Systemrelevante“ Berufe nicht nur zu beklatschen, sondern auch besser zu bezahlen, ist eine seit Beginn der Coronakrise oft gehörte Forderung. Bildhaft dafür steht die ikonische Pflegekraft, die für wenig Geld bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit geht. Das Adjektiv „systemrelevant“ führt jedoch in die Irre. In einer Marktwirtschaft ist jeder Beteiligte gleich systemrelevant. Bricht die Wirtschaft zusammen, verhindert das auch die Pflegekraft nicht. Man könnte das Wort also achselzuckend zum großen Haufen Sprachschutt kehren – wenn es nicht Erwartungen erzeugte und den sachlichen Blick auf die Logik der Einkommensfindung verdeckte.

Zu erinnern ist zunächst an das Wesen der Wirtschaft. Sie gedeiht nicht, wenn jeder möglichst viel haben will. Sie gedeiht, wenn jeder möglichst viel geben will. Nur dann kann wieder etwas zurückströmen – auch wenn der Wohlfahrtstaat diese Binsenwahrheit ausgreifend leugnet. Kurz: Wer vielen dient, verdient viel. Der Tennisheld Roger Federer schlägt lediglich gelbe Bälle über das Netz; aber viele wollen ihm dabei zuschauen. Und vielen verhilft er mittelbar zu Lohn und Brot. Eine Pflegekraft hat diese Hebelwirkung nicht – sie dient wenigen, auch wenn die ihr unendlich viel dankbarer sein mögen als jedem Tennisspieler.

Nun, könnten Herr Federer und die Pflegekraft ihren Job tauschen? Nein, denn die Pflegekraft könnte den Job des Tennisstars nicht übernehmen – jedenfalls nicht in dem Maße wie umgekehrt. Womit das zweite Kriterium genannt wäre: die Austauschbarkeit. Je austauschbarer ein Mensch für die Lösung einer bestimmten Aufgabe ist, desto geringer wird er entlohnt. Und auch wenn die Betroffenen das anders sehen (ich habe lange auf Intensivstationen gearbeitet): die qualifikatorischen Anforderungen sind vergleichsweise gering. Es gibt viele Menschen, die Kranke pflegen können.

Misslicher noch: Es kommt im Pflegewesen beispielhaft zu einem paradoxen Kollateralschaden vieler Bildungsinitiativen. Immer neue Weiterbildungen und Abschlüsse werden in den Pflegeberufen angeboten, die auch höhere Löhne versprechen. Das führt dazu, dass die so Qualifizierten kaum mehr in der Pflege arbeiten, sondern in der Verwaltung der Pflege. Sie werden Teil der Gesundheitsbürokratie, verteuern insgesamt die Gesundheitskosten. Das wiederum erhöht den Lohndruck in der Pflege. Entsprechend intensiv sucht man nach ausländischen Pflegekräften, für die Lohnniveau und Arbeitsbedingungen hierzulande der Himmel auf Erden sind. So wird die Medizin insgesamt teurer, die Löhne in der Pflege bleiben niedrig. Die Einkommenswünsche der „systemrelevanten“ Pflegekraft müssen also enttäuscht werden, mag man es auch aus ganzem Herzen bedauern. Erinnert sei an Albert Camus: „Indem man die Dinge falsch benennt, trägt man zum Übel der Welt bei.“

 

Zurück