Untergehen in einer parasitären Scheinwelt
Ein Unternehmen muss in erster Linie profitabel sein. Dies ist die Voraussetzung für das Weitermachen. Liest man allerdings all die Leitbilder und Tugendbekenntnisse der Konzerne, fühlt man sich an einen Kirchentag erinnert. Gastkommentar von Reinhard Sprenger
Manche Unternehmen haben mehr Kultur als der Normalmensch in seinem Kulturbeutel. Sie haben Teamkultur, Vertrauenskultur, Verantwortungskultur, Nachhaltigkeitskultur, Förderungs-, Fehler- und Führungskultur. Die Pathosformeln addieren sich zur Unternehmenskultur, die sich an «Werten» orientiert.
Diese Werte werden als «Leitbild» öffentlich gemacht, überall im Unternehmen ausgehängt und auf den Websites werbewirksam zur Schau gestellt. Und weil der Idealismus mit der Entfernung von der Realität wächst, werden sie von Topmanagern geputzt als risikolose Tugendbekenntnisse an der schauseitigen Oberfläche der Firmen. Ihre Reden klingen mitunter, als hätten sie sich auf einen Kirchentag verirrt. Hierarchie verschafft den Vorteil, nicht alles denken zu müssen, was zu sagen ist.
Vor allem Konzerne vermitteln den Eindruck, sie verkauften keine Produkte, sondern «Kultur» – eine sekundäre Welt, in der das Sprechen über das wirtschaftliche Handeln wichtiger ist als das Handeln selbst. Sie präsentieren eine Schicht aus Werten und Moral, die sich vor die unmittelbare Erfahrung des realen Unternehmenszwecks schiebt.
Gefährliches Bekenntnisvirus
Dieses Bekenntnisvirus ist gefährlich. Denn Werte leben von Eindeutigkeitsillusion. Und damit von Wirklichkeitsausblendung. Ein Wert wie Vertrauen ist jedoch ebenso wichtig wie Kontrolle, Nachhaltigkeit steht in Spannung zur Innovation, Qualität geht auf Kosten der Geschwindigkeit, dezentrale Autonomie ist ohne Effizienzeinbussen nicht zu haben, Gleichheit und Einzelfall mögen sich nicht.
Beide Pole gleichzeitig maximieren zu können – das glauben nur Vorstandsvorsitzende. Kaum einer von ihnen stellt sich noch hin und sagt: «Wir produzieren und verkaufen Güter und Dienstleistungen; dabei gilt zwingend das ökonomische Prinzip. Alles andere überlassen wir den Kirchen.» Als würden sie sich dessen schämen, verschweigen sie das Primäre, die Bedingung der Möglichkeit wirtschaftlichen Überlebens: Profitabilität. Diese aber ist Voraussetzung für das Weitermachen, sie ist Saatgut für die Zukunft.
Niklas Luhmann würde wohl sagen: Ein solcher Diskurs flieht aus der Komplexität in den präreflexiven Konsens. Diesen bringt man nicht in Schwierigkeiten, indem man ihn kritisiert, sondern indem man ihn ernst nimmt. Dann wird seine pathetische Einseitigkeit ebenso zur Kenntlichkeit entstellt wie seine Nachrangigkeit. Was unter den Tisch fällt: dass es keine Buchung ohne Gegenbuchung gibt; dass, wenn man etwas hinzufügt, etwas weggenommen werden muss. In einem Wort: Ein Unternehmen, das sein primäres Profitstreben verschweigt, hat aufgehört, ein Unternehmen zu sein.
Doch die Realität lässt sich nicht langfristig leugnen. Sie kommt daher in Gestalt chinesischer Waren, geopolitischer Unsicherheit, der Konsumzurückhaltung, des Wandels der Kundenpräferenzen oder des Festhaltens an hochfiktionalen Finanzzielen. Plötzlich werden die Banken knauserig und die Kreditversicherer teuer.
Das Pendel schwingt in die andere Richtung. Dort wird das luxurierende Zuspätkommen zur «Transformation» geadelt. Produktionsstätten werden geschlossen, Mitarbeiter entlassen, Einstellungs- und Ausgabenstopps verhängt. Jetzt haben die Unternehmen den Salat, den sie sich selbst aufgetischt haben. Weil sie sich auf einem Feld tummeln, auf dem sie nichts zu suchen haben. Mag auch Brechts «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» archaisch klingen – im Kern ist es kaum widerlegbar. Denn die parasitäre Scheinwelt, die zulasten der Profitabilität geht, muss man sich leisten können.
Das jüngste Beispiel ist der VW-Konzern. Das VW-Gesetz von 1960, das dem Land Niedersachsen und damit regionalen Politikinteressen de facto ein Vetorecht einräumte, machte den Konzern zur Organisationsattrappe. Jahrzehntelang verschleppten die niedersächsischen Ministerpräsidenten zusammen mit der IG Metall die laufende Anpassung an den Weltmarkt.
Sie opferten das Primäre, nämlich gute Autos zu wettbewerbsfähigen Preisen zu verkaufen, dem Sekundären: der Arbeitsplatzsicherheit, hohen Löhnen und kurzen Arbeitszeiten. Nun, da die Fakten auf den Weltmärkten nicht mehr zu leugnen sind, ist die Empörung gross. Das Sekundäre, in dessen Schutz man sich wähnte, frisst seine Kinder – jene Kinder, die sich über Jahrzehnte die Augen zugehalten haben, weil sie glaubten, so nicht gesehen zu werden.
Die Tragik dabei: Die jetzt entlassenen Mitarbeiter sind kaum vermittelbar: zu teuer, zu oft krank, zu freizeitorientiert. Mit Martin Heidegger im Rücken könnte man sagen: Von Menschen, die im Schutz leben, ist nichts zu erwarten.
Politik und «Gemeinwohl»
Auch die Politik verkauft dem Bürger gerne eine sekundäre Welt. Es dürfte in modernen Gesellschaften kein politisches Interesse geben, das nicht im Namen des allgemeinen Besten auftritt, so partikular nach Wahlerfolgen strebend es auch sein mag. Deshalb plakatiert die Politik Gemeinwohl, soziale Gerechtigkeit (was immer das sei), Bildung, Gesundheitswesen, Familienpolitik.
Das sind wichtige Ziele. Aber sie verschlingen mehr Ressourcen denn je und verschweigen die Opportunitätskosten. Diese aber sind in der wohlfahrtsstaatlichen Geborgenheit vorausgesetzt: innere und äussere Sicherheit. Im Inneren wird das Gewaltmonopol des Staates oft nur mit schlechtem Gewissen durchgesetzt: etwa bei unbewilligten Demonstrationen, mitunter sogar bei offen auf Zerstörung gerichteten Aktionen.
Vor allem bei moralbasiertem Rechtsbruch wird Militanz nicht selten mit Nachgiebigkeit belohnt. Eine meinungsklimatisch sensible Haltung ist zur Behördenpraxis geworden. Noch aufrüttelnder ist diese Unterschlagung des Primären in einer weltpolitischen Situation, in der die mit Willy Brandt einsetzende Appeasementpolitik als gutgläubige Verharmlosung globaler Imperialismen erscheint und die äussere Sicherheitsdienstleistung des Staates in Westeuropa mit einem geradezu autistischen Optimismus vernachlässigt wurde.
Aber auch in der Politik meldet sich irgendwann die Realität zu Wort: Trumps Zölle und seine militärische Abwendung, Putins Aggression gegen den Westen und sein Krieg gegen die Ukraine, im Inland die Zunahme schwerer Gewaltstraftaten – sie machen das Primäre sichtbar. Aber im Unterschied zu den knappen Mitteln in Unternehmen kommt beim Staat die berühmte «schwäbische Hausfrau» nicht zum Zug. Der Staat sagt: «Wenn wir ein neues Auto kaufen, machen wir trotzdem eine teure Ferienreise.»
Die faktische Bedrohung
Man erhöht einfach die Steuern. Oder nimmt Kredite auf, die dann als Steuern der nächsten Generation in die Schuhe geschoben werden. In Deutschland haben die langen Merkel-Jahre dazu geführt, dass ein wuchernder Sozialstaat im Frieden ebenso alternativ- wie kostenlos schien. In der Schweiz haben die Nichterfahrung von Kriegen und das Neutralitätsgeraune eine ähnliche realitätsverweigernde Wirkung entfaltet.
Beide Länder tun sich schwer, die äussere und die innere Sicherheit als Kernaufgabe des Staates zu priorisieren und dafür nachrangige Aufgaben angemessen und überlegt zurückzufahren. Sicherheit taucht nur noch als «soziale Sicherheit» auf. Und wer an das Primäre erinnert, wird als sozialer Kahlschläger gebrandmarkt. Das Sekundäre ist aber die dunkle Seite des Pazifismus. Ich will es zuspitzen: Wer die Bedingung der Möglichkeit sozialstaatlichen Ausbaus nicht kommuniziert, ist böse. Die 13. AHV-Rente diene als Beispiel.
Dabei kann es nicht um ein Entweder-oder gehen, sondern um ein Mehr-oder-weniger angesichts einer fundamental veränderten Weltlage. Und auch wenn wir nicht gleich wieder «Pflugscharen zu Schwertern» umschmieden müssen (wie einst die Friedensbewegung forderte), so sind wir doch auf die Priorität verwiesen, die Investition in die äussere Sicherheit auf das Niveau der faktischen Bedrohung zu heben.
Was nützen soziale Wohltaten, wenn wir unsere Freiheit verlieren? Aber Freiheit ist nicht umsonst. Frieden ist nicht umsonst. Wer das vergisst, handelt parasitär gegenüber zukünftigen Generationen, ihrem Wohlstand und ihrer Sicherheit. Ein Staat, der nicht primär für Sicherheit sorgt, hat aufgehört, ein Staat zu sein.
