Dr. Reinhard Sprenger ist passionierter Musiker.
Dr. Reinhard Sprenger – Führungsexperte und spezialisiert auf Konfliktmanagement.

Unsinn im Sinn

Unsinn im Sinn

Siemens-Chef Joe Kaeser gehört zu jener Gattung von Wirtschaftsführern, die nicht nur  Produkte und Dienstleistungen verkaufen, sondern auch Sinn. Genauer: „purpose“. Dabei steht er nicht alleine, es ist geradezu ein Hype um „purpose“ ausgebrochen. Vorgelegt hat Mark Zuckerberg, der Sinnproduzent par excellence: „Purpose ist das, was wahres Glück kreiert.“ Überall plakatiert man entsprechend die „purpose-driven-corporation“, inszeniert sich als Gesinnungsgemeinschaft, als säkularisierte Kirche, verspricht ein „meaningfull life“ und will überhaupt die Welt retten, darunter macht man es nicht. Konkretisierung ist dabei nicht zu befürchten. Trostpreise gibt es noch für Gesundheit, Frieden, Umwelt, Gemeinwohl. Jedenfalls muss es groß sein, sehr groß möglichst, und „Entwicklung“ beinhalten.

Man kann das Ganze für adressatenverdummende Fassadenmalerei halten, die meint, ökonomische Interessen schminken zu müssen. Oder für Marketing, das kühl den Sinnbewirtschaftungsertrag kalkuliert. Aber es funktioniert nur, wenn es lebensweltlich Resonanz erfährt. Was also ist der Sinn des Sinns? Wie also lautet die Frage, auf die „purpose“ die Antwort sein soll?

Sinnverlust und Sinnanspruch.

„Wer nach dem Sinn fragt, ist krank.“ Sigmund Freud hat das gesagt. Die Frage verweist also auf ein Defizit. Zunächst auf einen Sinnverlust: Die Sinnfrage stellt sich so lange nicht, wie die Zweckmäßigkeit der Veranstaltung gesichert ist - wenn das „um zu“ klar ist. Denn mit Heidegger im Rücken kann man Sinn definieren als ein Woraufhin, aus dem etwas verständlich wird.

Vor dem Hintergrund des Worumwillens ist das bestehende Sinnangebot offenbar zu klein. Auf der Mikroebene des Arbeitsplatzes gilt das zunächst für extrem arbeitsteilige Bullshit-Jobs (Graeber). Der alte Satz der Motivationspsychologie trifft es: „Als wir den Sinn unserer Arbeit nicht mehr sahen, begannen wir, über Motivation zu reden.“ Beim Steineklopfen sollen wir jetzt an Kathedralen denken, beim Schiffbauen an das weite Meer. Deshalb werden in jüngster Zeit verstärkt Manager gesucht, die den Mitarbeitern „wieder den Sinn ihrer Arbeit vermitteln können“.

Sinnverlust herrscht aber auch auf der Makroebene: Dort hat sich in der Wahrnehmung nicht nur von Kapitalismusskeptikern die Zweck-Mittel-Relation umgedreht. Unternehmen wollen nicht mehr Kundenbedürfnisse befriedigen, sie sind heute Selbstzweck. Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten - das sind die Mittel. Der Sinn des Unternehmens ist auf die  Steigerung des Unternehmenswertes zurückgebogen, auf die Überpriorisierung des Investoreninteresses. Auch hier wurde offenbar etwas verloren: Zielpluralität. Deshalb will man auf den Absatzmärkten den Rückenwind des moralischen Purpose-Konsums nutzen, der mit jeder Bierflasche den Regenwald rettet.

Zeitgeistliches kommt hinzu. Unternehmerisches Handeln muss sich neu rechtfertigen. Die Vorwürfe kommen aus Projektionen apokalyptischer Dystopien, ideologischen Neubewertungen und dramatisierten sozialen Verwerfungen. Das gesamte Wirtschaftssystem steht am Pranger angesichts krimineller Tricksereien, überzogener Angestelltengehälter und offenbar drohender Klimakatastrophe. Zumeist vorgetragen von Menschen, deren Gesinnung über die ökonomische Urteilskraft triumphiert und alles Geld verachten, das nicht ihr eigenes ist.

Gesellschaftlich von noch weitreichender Bedeutung ist die zweite Quelle des Sinndefizits: der Sinnanspruch. Er hat lange Wurzeln. Die Bemühungen stehen in der Tradition der Sinnstiftung durch Aussenhalt, vergleichbar mit tradierten Gottesvorstellungen. Zuletzt hat man in den 80er Jahren im Zuge der Rezeption Viktor Frankls den Sinn entdeckt. Auf Freuds Diagnose hätte er geantwortet: Wer nicht nach dem Sinn fragt, wird krank.

Das zielt vor allem auf die veränderten Wertvorstellungen jüngerer Generationen. Arbeit wird von ihnen nicht nur als Gelegenheit zum Geldverdienen betrachtet, sondern als postmaterielles, nahezu symbolisches Gut. Die reine Versorgungsleistung der Arbeit wird als zu profan empfunden. Man will Gutes tun, einem „höheren“ Zweck dienen. Diesen Willen mag man zwar bezweifeln - warum sonst ist der Fachkräftemangel in sogenannten „sozialen“ Dienstleistungsberufen so groß? - aber bei der Knappheit auf vielen Personalmärkten kann man sich das leisten.

Kann man das leisten?

Zweifellos sind Menschen, die ihre Arbeit als sinnvoll erleben, zufriedener, produktiver und gesünder. Aber kann eine Nachfrage nach Sinn befriedigt werden? Man kommt einer Antwort näher, wenn man sich an die Herkunft des Wortes erinnert: Sinn kommt aus dem althochdeutschen „sinnan“, was so viel bedeutet wie  der „Weg auf etwas zu“. Wenn Arbeit per definitionem immer Arbeit für andere ist (alles andere ist Beschäftigung), dann gibt es keine sinnlose Arbeit. Auch nicht Prostitution, auch nicht Toilettenreinigung, auch nicht Schuhverkaufen, auch nicht Buchhaltung, auch nicht Waffenherstellung. Und wenn die Müllabfuhr streikt, bricht alles zusammen; wenn der Stadtpräsident streikt, passiert gar nichts. Die Frage nach dem Sinn ist in diesem Licht eine Intellektuellen-Krankheit, die alles verachtet, was einfach nur andere Menschen mit dem Lebensnotwendigen ausstattet und glaubt, nur mit hoher Gestimmtheit könne man etwas Wertvolles in die Welt setzen. Wer also nach sinnvoller Arbeit fragt, der kalkuliert allenfalls den sozialen Beeindruckungswert.

Grundsätzlicher gefragt: Kann man überhaupt Sinn „bieten“? Gibt es eine administrative Erzeugung von Sinn? Nein, Sinn ist nicht etwas, das man als Angebot im Köcher haben kann. Der Einzelne gibt den Dingen Sinn – wenn wir für einen Moment unterstellen, dass Gott als die beste aller Ausreden pausiert.

Sinn ist Eigentätigkeit, Privatsache, nicht etwas, was wir vor-finden, sondern individuell er-finden. Es heisst ja auch Sinn-Gebung und nicht Sinn-Nehmung. Sinn-„Gebung“ heisst es , nicht Sinn-„Nehmung“. Und dieser Sinn ist so unterschiedlich wie die Menschen sind. In der Arbeit mag das für den einen der Lebensunterhalt sein. Für den anderen der soziale Austausch. Für den dritten Unterhaltung. Das ist auch der Grund, weshalb „purpose workshops“ regelmässig scheitern – man kann sich nicht einigen.

Gesamtgesellschaftlich problematisch ist aber erst der Umstand, dass der Sinn erstens „von oben“ und zweitens als kollektive Einheitsspeisung erwartet wird. Wer sich den Mühen der Sinngebung entzieht, wer also mit Sinn verwöhnt werden will (ähnlich dem staatlich vordefinierten und strukturell oktroyierten Glück), wird notwendig enttäuscht werden. Die Profitinteressen der Unternehmen sind systemimmanent und lassen sich mit Breitbandgelübden nicht langfristig behübschen.

Und auch die Organisationsprobleme modischer Enthierarchisierung wird man langfristig nicht „leidenschaftlich“ weglächeln können. Mehr noch: Sinn kann überhaupt nicht direkt angestrebt werden, sondern ist nur als Beifang erlebbar. Hegel erzählt von einem Menschen, der Äpfel verschmäht, weil er Obst will, auch nicht Birnen mag, sondern Obst. Und deshalb unbefriedigt bleibt. Ähnlich geht es jenem, der in der Arbeit Sinn will. Er will nicht arbeiten, sondern Sinn, nicht in Meetings sitzen, nicht Produkte verkaufen, nicht Innovationen planen, nicht Gräben ausheben, nicht Kranke pflegen – sondern Sinn.

Dies wirkt sich umso fataler aus, wenn er sich in ein spektakulär-kollektives Grössenselbst integrieren will. Wenn er etwas will, das grösser ist als er selbst, das die eigene krümelhafte Existenz vergoldet und das Berufsleben entbanalisiert. Wenn er der Unternehmensbotschaft erliegt: „Wenn du hier mitmachst, bist du Teil von etwas Ewigen!“ Damit kann er zwar auf Partys glänzen, führt aber den Dolch im Gewande: Das Böse dieser Welt wird selten getan, wenn Individuen als Individuen handeln, sondern vielmehr, wenn man einem „höherem Zweck“ dient. Sei es, die Welt zu retten, den Gottesstaat zu schaffen oder – wie bei den Milgram-Elektroschock-Experimenten – die Wissenschaft zu fördern.

Mut zum Unvollkommenen

Ein Unternehmen, das die Diversität seiner Mitarbeiter respektiert, verordnet keinen kollektiven Eindeutigkeitssinn. Es bemüht sich vielmehr, die Möglichkeiten individueller Sinngebung nicht zu sehr zu verengen. Es vernebelt nicht die persönliche Verantwortung für individuelle Sinnfindung. Es lässt die Menschen selbst bestimmen, was für sie wichtig ist und aus welchen Gründen heraus sie etwas tun. Denn das ist belastbar, das kann nicht enttäuscht werden: der Mut zum Möglichen, der Mut zum Unvollkommenen, der Mut zum Mindergeliebten.

Diesen „kleinen“ Alltäglichkeiten gilt es Sinn zu geben, den nächsten Dingen, die zu erledigen sind. Der Verzicht auf übermässigen Sinnanspruch eröffnet die Chance, positiv überrascht zu werden. Das kann auch dem passieren, der durch seine Arbeit nichts anderes will als seine Familie ernähren.

Das Deutsche unterscheidet nicht den höheren Sinn vom tieferen. Wieder einmal denkt die Sprache für uns.

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