"Im Arbeitsleben sind wir keine Familie"

Der Autor und Philosoph Reinhard K. Sprenger hält wenig von der heutigen Arbeitskultur. Ein Gespräch über Ehrgeizlinge als Führungskraft, zartbesaitete Angestellte und warum Jahresgespräche nur Erniedrigungsbürokratie sind.

In den meisten Firmen müssen sie bis Ende April erledigt werden: Die Jahresgespräche. Kaum jemand mag sie, meist sind sie nur eine Proforma-Übung, sie kosten Zeit und damit Geld und wofür sie eigentlich gut sein sollen, weiss auch niemand: Wieso wird daran festgehalten?
Die Jahresgespräche sind ein Sieg der Bürokratie über die Marktdynamik, der Ordnung über die Vernunft. Sie sind veraltet, behäbig und gehören abgeschafft.

So schlimm?
Sehen Sie, die Idee der Jahresgespräche entstand in den Fünfziger-, Sechzigerjahren im Rahmen der damaligen Humanisierung der Arbeitswelt. Man hatte gemerkt, dass die Menschen zu wenig miteinander reden, obschon das wichtig wäre. Man hatte auch gemerkt, dass das an der Sozialallergie der Vorgesetzten lag…

…Sozialallergie?
Ja, die meisten Vorgesetzten waren aufgestiegene Sachbearbeiter. Sie hatten keine Lust, mit Mitarbeitern zu sprechen. Was man ihnen nicht vorwerfen sollte, weil Personalverantwortung früher die einzige Möglichkeit war, Karriere zu machen. Da war natürlich jeder im Unternehmen fehlmotiviert. Und irgendwann hatte man auch den letzten Sozialallergiker auf einem Führungsjob. Mitarbeitergespräche waren insofern eine Form der Reparaturintelligenz.

Was ist daran denn so falsch?
An einem erzwungenen, ritualisierten und standardisierten Gespräch ist alles falsch. Das ist kein Gespräch, das ist Erniedrigungsbürokratie, von beiden Seiten als lästig empfunden. Und vom Inhalt her ist es sowieso eine Katastrophe, weil es einzig und allein dazu dient, die autistische Logik der Personalabteilung zu befriedigen. Also nach innen ins Unternehmen blickt, nicht nach außen. Der Kunde hat rein gar nichts davon. Da werden Kosten erzeugt, die uns draußen am Markt und in der Lebensqualität der Kunden keinen Meter weiterbringen.

Wieso denn nicht?
An einem Jahresgespräch wird Feedback gegeben. Feedback sagt aber vor allem etwas über den Feedback-Geber aus, nicht über den Feedback-Nehmer. Der Feedback-Empfänger bekommt daher vor allem zu verstehen, wie er sich am besten anpasst, was er tun muss, um dem Chef zu gefallen. Die Feedbäckerei ist eine riesige Konformitätsmaschine. Das Resultat sind menschliche Anpassungsruinen. Damit wird niemand den Wettbewerb der Zukunft gewinnen.

Sie finden insbesondere die Benotung mit Zahlen oder Buchstaben lächerlich, stellen aber grundsätzlich eine Infantilisierung der Arbeitswelt fest. Inwiefern genau?
Fragen Sie sich selbst: Wer stemmt sich kraftvoll gegen individuelle Boni und Incentives, die Kollegen in Gegner verwandeln und Menschen zu Reiz-Reaktions-Automaten korrumpieren? Wer wehrt sich gegen die Obszönität der Mitarbeiter-Befragungen, die Menschen zur Antwort nötigen und zudem noch mit dem „Schutz“ der Anonymität erniedrigen? Welche Managerin weist eine Förderung „als Frau“ zurück, weil sie sich nicht benachteiligt fühlt und das Geschlecht als Leistungskriterium für untauglich hält? Welcher Mann verweigert sich Coaching-Massnahmen, die zu grossen Teilen Veranstaltungen zur Abarbeitung unerwünschten Männlichkeitsverhaltens sind? Wer besteht auf seiner Autonomie – und lässt sich weder „Werte“ noch „Führungsstil“ noch „Identifikation“ aufzwingen? Wer besteht auf seiner Gesundheit als Privatsache, die er nicht „fördern“ lassen will?

Gleichzeitig heisst es aber doch, man wolle sich mehr auf Augenhöhe begegnen und führt das Duzen ein.
Das Du, ehedem als Anrede der Freundschaft und dem privaten Verkehr vorbehalten, wird vom Unternehmen vereinnahmt. Damit geht etwas sehr Wichtiges verloren: der Prozess der Intimitätszunahme oder auch der Intimitätsverweigerung. Das ist übergriffig und kulturell naiv. Vor allem kommt es zu einer kommunikativen Verflachung im Dienst eines miefigen Gleichheitsideals. Im Arbeitsleben sind wir eine Leistungspartnerschaft, keine Familie. 

Vorgesetzte sollen heute aber loben, motivieren, Feedback geben etc. Das klingt ein wenig wie das Job-Profil für Primarlehrer. Woher kommt das? Geht das in dieselbe Richtung?
Es entsteht gerade ein neues Bild der Gesamtgesellschaft, ich nenne es ,Fürsorgliche Belagerung‘. Politik und Unternehmen dringen damit in Bereiche ein, die früher durch eine Grenze geschützt war und man Privatleben nannte. Diese Übergriffigkeit schwächt die Menschen, hält sie klein. Das ist besonders beobachtbar bei der Generation Schneeflocke, also den Jungen, die auf alles so zartbesaitet reagieren. Die kippen schon beim Bewerbungsgespräch in den Burnout. Tatsächlich aber leiden sie an Misserfolgsarmut.

Was ist das?
Sie müssen nur zuhören: „Du machst das großartig, mein Liebling!“, „Ich bin unglaublich stolz auf dich!“ – kein Superlativ scheint heute groß genug, um Kindern ein Ego einzuimpfen, von dem man eigentlich nur noch herunterpurzeln kann. Frustrationen? Verlieren? Scheitern? Diese Kinder hören nie: „Das reicht nicht!“ oder „Das war Mist!“ Sie wachsen in einem Klima der Überfürsorge auf - und genau so wollen sie dann später im Unternehmen behandelt werden. Die wollen ja auch kein Mitarbeitergespräch, die wollen gelobt werden. Kaum jemand sagt ihnen, dass es bei der Arbeit nicht um Wohlfühlen geht, sondern um Leistung und Gegenleistung.

Klingt nicht so, wie wenn die Zusammenarbeit im Beruf einfacher würde.
Die Situation wird sich wieder ändern. Sobald die Digitalisierung die Jobs verknappt, schlägt das Pendel zurück. Dann werden diese Übersensibilitäten sehr schnell zur Seite gelegt werden. Zudem bin ich überzeugt, dass tief in uns allen ein „happy workaholic“ steckt: Wir wollen arbeiten, wir wollen was erreichen, was bewegen.

Aber bis dahin sollen wir nicht nur schön angepasst sein, sondern auch total positiv.
Richtig. Was fatal ist, denn die Folgen können verheerend sein. Ich habe Bekannte in Los Alamos, New Mexico, wo auch für die NASA geforscht wird. Das Challenger-Unglück von 1986 ist immer wieder Thema. Das Drama war eine Folge davon, dass keine Zweifel geäussert werden durften, um nicht als negativ zu gelten. Und so sagten kluge Köpfe ja zu DIngen, die sie aus fachlicher Sicht nicht gutheissen konnten. Das war der Hauptgrund, weshalb es zur Katastrophe hatte kommen können. Deshalb: Nichts ist schlimmer für ein Unternehmen wie hochangepasste Ja-Sager.

Dann müsste es aber ganz vielen Firmen ganz miserabel gehen, weil, mit Verlaub: Wo sind sie denn, die Punks?
Kluge Menschen haben in dummen Organisationen keine Chance. Unangepasste noch weniger. Entweder sie legen sich hin oder gehen wieder. Dabei würde es sich lohnen, sie wertzuschätzen: All die Leistungen, die wir bewundern, all die Menschen, die wir grossartig finden, die haben sich nie an die durchschnittliche Vernunft verloren. Deshalb rate ich den Unternehmen immer: Ihr müsst Widerspruch organisieren! Ihr müsst Leute holen, die eine Unwucht reinbringen! Die anders sind! Und Ihr solltet die Menschen nicht für Konformität belohnen, sondern für Initiative.

Wenn das doch so klar ist: Wieso dominieren dann überall diese Langweiler?
Ich kenne glücklicherweise Unternehmen, in denen das nicht der Fall ist. Aber nehmen Sie das Beispiel der Unternehmensberatungen. Die suchen ausdrücklich „insecure overachiever“, also ängstliche Ehrzeiglinge. Das werden dann Führungskräfte, die sich permanent absichern. „Cover your ass“ heisst die Methode. Und die führt dazu, dass die Bürokratie aufgebläht wird: Controlling, Compliance, Personal und so weiter. Damit will ich nicht sagen, dass diese Abteilungen unwichtige Aufgaben erfüllen. Aber sie erzeugen viel Kundenablenkungsenergie und überwuchern die erfolgskritischen Kräfte.

Weshalb leistet man sich die denn? Das ist doch komplett unökologisch.
Als Radikalkapitalist sage ich: Es findet sich für jeden Bullshit ein Markt. Und es gibt eine Menge Unternehmen, die verkaufen nichts anderes als Angst. Was wiederum den Bedarf an Beruhigungsinstitutionen weckt. Dann kann sich die Unternehmungsleitung wieder um das Wesentliche kümmern.

Kann man lernen, ein guter Chef zu sein?
Das Managen kann man lernen. Das Führen von Menschen tendenziell nicht. Man kann nicht lernen, wie man die Herzen von Menschen erreicht.

Diese Führungskurse, wo man unter Anleitung Rollenspiele machen muss, bringen also nichts?
Wir haben im Unternehmen keinen Erziehungsauftrag. Auch keinen Therapievertrag. Sondern einen Kooperationsvertrag zwischen Erwachsenen. Das heisst, man sollte Erwachsene nicht nötigen, solche Kurse zu besuchen. Falls jemand jedoch eigeninitiativ etwas lernen will, weil er ein konkretes Problem hat, dann sollte man ihm die Möglichkeit bieten.

Wenn der grösste Fehler von Arbeitgeber-Seite heute darin besteht, die Mitarbeitenden zu bemuttern - was ist der grösste Fehler von heutigen Mitarbeitenden?
Dass die sich das gefallen lassen oder gar noch einfordern! Es ist doch pervers, dass Mitarbeitende erwarten, von ihren Vorgesetzten motiviert zu werden wie Schüler von ihrem Lehrer. Es ist würdelos, Gehalt dafür zu erwarten, dass man morgens pünktlich am Arbeitsplatz erscheint, es aber für bonusrelevant hält, sich dann auch noch zu bewegen.

Zurück