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Hi, du Zeitgenosse

„From a distance“ hieß ein Song, den Cliff Richard im Frühjahr 1991 in die Hitparade sang. Im Text ging es darum, dass nur immer neue Distanzergreifungen uns an Weltansicht gewinnen lassen. So wie man einen Schritt zurückgeht, um ein Bild vollständiger zu erfassen.  Was schon früh beginnt: Wenn ein unverbildetes Kind durch einen Wald geht, fühlt es sich einem großen Organismus zugehörig. Es spaltet die Welt nicht auf in Subjekt und Objekt, es ist eins mit ihr. Es ist ähnlich verschmolzen wie ehedem mit der Mutter. Wenn es dann erwachsen wird, geht es zur Welt auf Distanz. Es nimmt seine Stellung ihr gegenüber ein, unterscheidet nun zwischen sich und den Dingen, weiß sich nur mit sich selbst identisch.

Im Rückblick erinnern wir wehmütig die verlorene Nähe zu den Dingen. Aber wem es gelingen würde, Kind zu bleiben, der bliebe „kindisch“. Er bliebe auch überzeugt, dass die Erde eine Scheibe sei – weil er sie nie „von Weitem“ sah. Der Begriff der Distanz beschreibt also den Unterschied zwischen einer kindlichen und einer erwachsenen Lebenswelt. Was sogar für den geliebten Menschen gilt: Ohne den nötigen Abstand werden die kleinsten körperlichen Äußerungen des anderen in der Vergrößerung abstoßend. Ohne Distanz besteht auch die Liebe nicht; sie verlangt ein ehrfürchtiges Getrenntsein. Aus der Ferne sehen wir Anmut, aus der Nähe Poren.

Der amerikanische Philosoph John Rawls bedient sich in seiner „Theory of Justice“ der Distanz in Form eines Schleiers: Eine Gruppe von Menschen sitzt zusammen und diskutiert Regeln vernünftigen Zusammenlebens. Sie alle umhüllt ein „Schleier des Nichtwissens“ – niemand weiß, welche Rolle er in der Gesellschaft spielen wird, wenn die Regeln in Kraft treten; niemand weiß, ob er Schuhputzer sein wird oder Bankdirektor. Wenn dann der Schleier weggezogen wird, müssen alle bereit sein, sich dem Zugewiesenen zu unterwerfen. So lange der Schleier das Ergebnis verhüllt, entschärft er die Diskussion. Erst wenn er fällt, beginnen die Probleme. Wenn es „distanzlos“ wird.

Die wichtigste Aussage zum Thema aber stammt von Dietrich Bonhoeffer; er schrieb 1942 eine Programmschrift für die Absonderung vom konformistischen Mainstream. Unter der erstaunlichen Überschrift „Qualitätsgefühl“ heißt es: „Wenn wir nicht den Mut haben, wieder ein echtes Gefühl für menschliche Distanzen aufzurichten und darum persönlich zu kämpfen, dann kommen wir in einer Anarchie menschlicher Werte um.“

Aber Distanzen haben einen schlechten Ruf. Distanzen sind etwas, das man „überwindet“. Es gibt Abfahrt und Ankunft, dazwischen – nichts. Keine Stufenfolge, auch kein Verweilen, schon gar kein Distanz-Wahren, keine Ehre, kein Tabu. Nicht nur Staatsanbeter oder religiöse Fundamentalisten wollen ihnen an den Kragen. Ständig werden sie von zwei Verschmelzungsphantasien bedrängt. Die eine, die ich „romantisch“ nenne, will die Moderne wieder rückgängig machen: Sie bedauert den Verlust von Nähe, Unmittelbarkeit, Gemeinschaft. Die andere, „veränderungsdynamische“, betont die Notwendigkeit der Vorwärtsspannung, setzt den Wandel über die Stabilität, den Wettbewerb über die Sicherheit, das Globale über das Lokale.

Beide Tendenzen fließen heute zusammen und verstärken sich wechselseitig. Trotz unterschiedlicher Begründungen laufen sie auf dasselbe hinaus: Grenzüberschreitung. In der Folge entwickeln sich Formen der Distanzlosigkeit, die vor langer Zeit erkämpfte Zivilisationsgewinne erodieren lassen. Besonders wirkungsvoll deshalb, weil sich die Distanzauflöser sowohl mit der Sentimentalität der ersten Tendenz munitionieren können, als auch mit der Rationalität der zweiten. Wer gegen die Distanzschmelze die Stimme erhebt, sieht sich als „unnahbar“, „elitär“ oder „nicht teamfähig“ etikettiert. Zumindest die Absichten der Distanzauflöser sind daher kaum diskutierbar; sie sind populär und gelten als ambivalenzfrei. Ob es die Folgen auch sind, daran mag man zweifeln.

Zum Beispiel das nähebekundende „Du“. Vordergründig klingt das sympathisch. Aber geopfert wird die Dynamik der sozialen Annäherung. Wer mit jemandem „per Du“ ist, hat die Schrittigkeit der Intimitäts-Zunahme durchmessen und erfolgreich abgeschlossen. Er hat einen Widerstand überwunden, ist aus der Masse herausgetreten, hat ein besonderes Verhältnis zu jemandem, fühlt sich dadurch geehrt. Wenn aber alle Distanzen beseitigt sind, dann steht alles gleich nah und alles gleich fern. Dann herrscht das Abstandslose, wo keine Ferne mehr die Nähe wahrt. Denn nur aus der Distanz ergibt sich die Möglichkeit, in einen intimeren Modus zu wechseln. Wenn dieses Wechselspiel nicht mehr beherrscht wird, kann sich kein besonderes Interesse mehr am anderen bekunden. Andererseits kann auch kein Interessenkonflikt aus unpersönlicher Distanz diplomatisch ausgetragen werden: Einigen Leuten den Schritt vom Sie zum Du zu verweigern steht als Instrument der Distanzwahrung nicht mehr zur Verfügung. Erst Grenzen sichern diese Beweglichkeit. 

Beispiel Hierarchie: In der alten Welt, in der Ehrentitel erblich waren, wurde gleichsam eine Substanz weitergereicht, die im Wandel Stabilität und Ordnung verlieh. In der Moderne wurde das durch Leistungsdenken abgelöst: Wer es nach oben schaffte, hatte es sich „verdient“ und durfte für anderen entscheiden, ohne – und das ist wichtig – sich für eine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Eine Entscheidung (im starken Wortsinn) lässt sich nicht rechtfertigen, nicht mal verständlich machen. In der Moderne ist das der Allesverflachung zum Opfer gefallen. Wie oft wird nicht entschieden, weil die sogenannten „Entscheider“ an ihrer Rechtfertigungsstrategie arbeiten! Der Vorteil der Hierarchie, der „heiligen Ordnung“, war ja, dass man nicht permanent um seine Position kämpfen musste. Man konnte sich auf das Sachliche konzentrieren und musste nicht jeden Sachgegenstand nutzen, um Stellungskämpfe auszufechten. Außerdem war klar, wer bei schlechtem Wetter die Verantwortung übernimmt. Es ist anthropologisch naiv zu glauben, man könnte Jahrhunderte Sozialgeschichte der „kleinen Unterschiede“ straffrei ignorieren.

Auch das Gefühl für Form verliert sich in einer Zeit wachsender Distanzlosigkeit. Besonders deutlich als Kommunikations-Entformung: Die E-Mail, die den Brief und mittlerweile auch das Telefon weitgehend ersetzt hat - sie ist mitverantwortlich für die Erosion der Unterscheidung, hier im Gewand der Höflichkeit. „Sorry for the brevity“ – so glaubt sich das allgemeine Gewerbe der Verrohung entschuldigen zu dürfen. Noch schlimmer die SMS (und Artverwandte), die gar keinen Platz mehr für Form lässt. Aus einem „Sehr geehrter Herr Prof. Höflich“ ist oft nur noch ein „Hallo“, ein „Hi“ geworden, oft ohne weitere Anrede. Die Anrede „Herr Direktor“ – unmöglich heute! Die gegenwärtige Gesellschaft wähnt sich aufgeklärt und sieht der Erosion sinnvoller Traditionen zu, auf deren Autorität sie beruht. Ein hoher Preis. Wenn das Getrennte ineinander übergeht (innen/außen, oben/unten, öffentlich/privat, männlich/weiblich) verlieren wir die Fähigkeit der Unterscheidung. Und damit den Grundakt der Zivilisation.  Deshalb sollte, wer das Wort „ganzheitlich“ hört, es mit „undifferenziert“ übersetzen - und schnell wegrennen.

Es kann nicht mehr um fixierte Ordnungen gehen, wohl aber um Balancen. Um eine Abwehr des Übermaßes. Dabei steht viel auf dem Spiel: Vertrauen, Schutz, Sicherheit, Individualität, das wohltätig Trennende von Grenzen – in einem Wort: Souveränität. Souverän handelt nur, wer sich aus der Sphäre der Unmittelbarkeit entfernt. Wo es keine Distanzen gibt, gibt es keine Nähe; wo man nicht schließen kann, kann man nicht öffnen; wo man sich nicht trennen kann, kann man sich nicht begegnen. Darum duzen wir uns heute alle – und bleiben doch Fremde in dieser ach so sozialen Welt.

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