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Absage an die Abgesänge

Schweizer Arbeitgeber 08/2012

 

Trostlos in Davos. Da orakelt ein alterssentimentaler Impressario über das „Ende des Kapitalismus“ – und niemand steht auf, um ihn entschlossen darauf hinzuweisen, dass noch ein paar Milliarden Menschen auf den Wohlstand warten, den freie Märkte erzeugen. Aber er steht mit seiner Meinung zweifellos im Hauptstrom jenes Zeitgeistes, der uns von den Zumutungen der Freiheit entlasten will. Selbst Starökonomen wie Nouriel Roubini entdecken ihre Liebe zu Marx, konstatieren, dass der Kapitalismus sich selbst zerstöre. Und im Fernsehen werden Abend für Abend Gessler-Hüte gegrüsst: „Übertreibungen, jaja, Raubtierkapitalismus, neinnein, und gegen überhöhte Gehälter sowieso“.

 

Das Auffälligste ist der Jubel, mit dem große Teile der Medienschaffenden den vermeintlichen „Ruin des kapitalistischen Heilsversprechens“ feiern. So als wäre ein Damm gebrochen und sie hätten dahinter nur auf den Tag der Abrechnung gewartet, sie, die es ja schon immer wussten und schon heimlich die Nachrufe vorbereitet hatten. Nun werden Eurokrise, strauchelnde Banken, monströse Managergehälter und Privatisierungsexzesse in einen Sack gestopft, „Kapitalismus“ darauf geschrieben und munter darauf eingedroschen.

 

Sie reden dann von „Gier“, wo es um Gewinnstreben geht, und wo dazwischen die Grenze liegt, das haben Sie auch schon immer gewusst. Sie sprechen vom „Marktversagen“ und wollen vergessen machen, dass die Politik es war, die in den USA den Geldhahn aufdrehte, um damit Wählerstimmen zu kaufen. Feixend konstatieren sie, der freie Markt heile sich eben nicht selbst, und sie wollen nicht wahrhaben, dass gerade der Hypothekenmarkt in den USA eben kein Markt war.

 

Aber was macht eigentlich die „Pleite der letzten Utopie“ (Die ZEIT) so sexy? Welche psychische Disposition ist dazu nötig? Es ist der Tröstungsgewinn der Deuter, die den Machern schon immer die größeren Profite neideten. Es ist die klammheimliche Freude jener, die den Zug zu großem Wohlstand schon ohne sie abgefahren glaubten. Sie wissen, dass es ihnen zwar gut geht, glauben aber, dass es anderen besser geht, und das konnten sie noch nie ertragen. Es ist letztlich der Herrschaftsanspruch des Lehrers über den Kaufmann, des Geistes über das Kapital, der sichtbaren Faust des Staates über der unsichtbaren Hand des Marktes.

 

Aber die das so aufatmen, sie atmen dünne Luft. Überall in der Welt wachsen die Volkswirtschaften mit hohem Freiheitsgrad stärker als regulierte Staatswirtschaften, überall fließen Investitionen in Länder mit geringer Staatsquote, und nirgendwo verdienen die professionellen Absänger der Freiheit so gut wie in wirtschaftsliberalen Ländern. Sie träumen mithin einen Traum, von dem sie nicht wirklich hoffen dürfen, dass er Realität wird.

 

Wo aber sind die Wirtschaftsführer, die sich wehren, die die Stimme erheben, die kraftvoll den antiliberalen Reflexen Einhalt gebietet? Wo steht jemand auf und nutzt die kleine Chance für ökonomischen Sachverstand und die Verteidigung des bürgerlichen Lebensstils? Wo sind sie, die doch bis in die gesellschaftliche Spitze befördert wurden und betriebsintern so gerne den Anspruch des Vorbildlichen erheben?

 

Nicht handeln heisst zustimmen. Oder ist genau das das Problem? Dann haben wir wirklich eine Krise - wenn die Marktfreunde glauben, die Marktfeinde hätten recht. 

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