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Manager Magazin


Von Lügen und Notlügen


manager magazin 02/2011

 

Abschiedsessen für einen altgedienten Manager. In aufgeräumter Stimmung haben sich Mitarbeiter und Kollegen um den Tisch versammelt. Man erwartet, dass Sie eine kleine Rede halten. Wollen Sie die Gelegenheit nutzen, ihm einmal gründlich die Meinung zu sagen? Werden Sie darüber sprechen, dass viele seiner Mitarbeiter schon Jahre darauf warten, dass er endlich geht? Werden Sie sagen, dass sein permanentes Witzeerzählen bisweilen unerträglich war? Und werden Sie sagen, dass er nur wegen einiger früherer Verdienste nicht vorzeitig seinen Hut nehmen musste? Nein, das werden Sie nicht. Sie wollen ihn nicht kränken. Außerdem sind Sie doch nicht bei Wikileaks, oder?

 

Wikileaks will die ganze Welt transparent und ehrlich machen. Das klingt gut und garantiert Applaus. Denn undurchsichtig ist das Dunkel, lichtscheu das Gesindel, rein die Transparenz - auch wenn sie Dunkles erhellt. Aber ist das auch eine gute Idee? Vorsicht! Natürlich, der Staat hat öffentlich zu sein (nicht der Bürger!). Und auf Lüge lässt sich keine Beziehung gründen. Zudem schadet ein bisschen mehr Mut zur Offenheit in der Regel nicht. Kurzum, Authentizität und Transparenz sind und bleiben anzustrebende Werte.

 

Aber die moralisierende Rhetorik steckt voller Rigorismus. Lüge z.B. ist ein enges Wort für ein weites Feld. Ist Schweigen schon Lüge? Schweigen über das, was einen anderen Menschen verletzen könnte? Dann würde wahrscheinlich jedes Familienfest ein Schlachtfest der Seelen, ein Triumpf der Unbarmherzigkeit. Was ist mit dem Flunkern, das niemanden böswillig in die Irre führt? Man kann auch höflich sein, ohne direkt ein Schleimer zu sein. Und was ist mit der Not-Lüge? Wenn Sie jemanden unter Rechtfertigungsdruck setzen, wird er Sie belügen. Das heißt, er wird die Dinge so schildern, dass er sich möglichst straffrei aus der Affäre zieht. Man kann das auch „sachzwangreduzierte Ehrlichkeit“ nennen.

 

Und was ist mit strategischer Selbstdarstellung, mit Heucheleien, Schönfärbereien, falschen Komplimenten und aufgesetzten Freundlichkeiten? Sie mögen nicht besonders sympathisch sein, aber Sie werden kaum ohne sie auskommen wollen. Und das ist gut so. Die Psychologie bezeichnet sie als „prosoziale Lügen“. Die Diskretion, die man wahrt, die Zudringlichkeit, die man meidet – all das sind zivilisatorische Errungenschaften. Und wollen wir nicht alle unser „Gesicht wahren“?

 

Man sieht: Die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, das taugt nicht für alle Lebenslagen. Wir nehmen Rücksicht – und erwarten sie auch. In der Politik die Diplomatie, im Alltag der Takt, der Sinn für das Indirekte. Ohne Lügen und Heuchelei wäre der soziale Umgang unerträglich. Brutale Ehrlichkeit macht auch unser Leben brutal.

 

Und Unehrlichkeit ist keineswegs immer „Lüge“. Der Diplomat lügt nicht, er spielt nur seine Rolle. Ein freundlicher Kellner lügt nicht, wenn er eigentlich schlecht drauf ist. Genau so ist das mit der Führungskraft. Eine Führungskraft wurde eingekauft, um eine Rolle zu erfüllen, nicht um „er selbst“ zu sein. Der Begriff der sozialen Rolle, den der amerikanische Ethnologe Ralph Linton 1936 einführte, entlastet das Individuum davon, sich alle Handlungen persönlich zuzurechnen und mit ihnen identisch zu sein. So ist es zweifellos wünschenswert, wenn Sie als Chef sich über den Erfolg Ihres Mitarbeiters aufrichtig freuen und dem auch spontan Ausdruck geben; hier ist Authentizität gefragt. Das gilt jedoch nicht im Negativen. Der Macht-Aspekt, der alles Führen/Folgen kennzeichnet, lässt Kritik aus Sicht des Mitarbeiters oft übergroß erscheinen. Wie mit einer Lupe verdoppelt er das Ablehnende, lässt es mitunter gar existenzbedrohend wachsen. Das kann für Sie als Chef nur heißen, gleichsam eine „halbierte“ Authentizität zu leben. Authentisch im Positiven, zurückhaltend im Negativen. Und weiter: Muss man stets sagen, was man voneinander hält? Dauernd irgendwelche „Feedbacks“ geben, die ohnehin mehr über den Feedback-Geber aussagen als über den Nehmer? Sind die jährlich stattfindenden Mitarbeiter-Beurteilungen nicht obszön genug? Und wenn man von einem Dritten etwas über einen Zweiten erfahren hat, sollte man den Betreffenden damit konfrontieren? Weil es der „Wahrheit“ dient? Und ein letztes noch: „Über Geld spricht man nicht.“ So hieß es früher. Die Hysterie der Transparenz hat es uns eingebrockt, dass dieses Gebot immer mehr missachtet wurde und nunmehr einige Management-Gehälter in einer Wettbewerbs-Spirale durch die Decke der Legitimität schießen.

 

Psychologisch gesehen ist Authentizität einfach. Jedes Tier ist authentisch, direkt und echt. Als Menschen sind wir gut beraten, viele Dinge im sozialen Umgang intransparent zu halten, nicht alles an das grelle Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Friedrich Nietzsche lässt ein kleines Mädchen seine Mutter fragen „Ist es wahr, dass der liebe Gott überall zugegen ist?“ Und als die Mutter das bejaht, sagt das Mädchen: „Aber ich finde das unanständig.“

 

 

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