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Die Welt


Vergesst die Quote!


Die Welt 30.03.11

 

1. Was immer man zu dem Thema Frauenquote sagt, es ist kontaminiert vom Geschlecht. Der, der da spricht, ist entweder Mann oder Frau. Insofern hat man immer ein Glaubwürdigkeitsproblem. Selbst, wenn man für die Bevorzugung des anderen Geschlechts votiert.

 

2. Was jedem intelligentem Menschen widerstrebt: in stereotyper Form von „Männern“ und „Frauen“ zu sprechen, es muss zulässig sein. Wie soll man sonst diskutieren? Insofern sind auch exemplarische Einzelne von beschränktem Aussagewert.

 

3. Die Zahlen zum Thema „Frauen im Management“ sind bekannt, eindrucksvoll und multikausal. Welche Erklärung man auch präferiert, eines scheint mir unzweifelhaft: Es gibt keine mächtige konspirative Vereinigung, die hier die Finger im Spiel hat. Dazu kenne ich zu viele Unternehmensführer, die seit Jahren die Situation zu verändern suchen. Allerdings haben auch sie kaum Chancen gegen jahrtausendalte anthropologische Wurzeln, die man nicht einfach innerhalb weniger Jahrzehnte ausreißt.

 

4. Auch die Politik beklagt das „Zurückfallen in starre Rollenmuster in den Familien, sobald das erste Kind auf dem Weg ist.“ (Kristina Schröder) Bislang war ich der Überzeugung, es sei Privatsache der Eltern, welches Rollenmodell sie leben. Sofort wird mir entgegen gehalten, so einfach sei das nicht, 60 Prozent der Männer mit Kindern unter drei Jahren „würden gern etwas weniger arbeiten“. Heilige Einfalt! Wer „würde“ nicht konjunktivisch gerne etwas weniger arbeiten, wenn er entsprechend befragt wird? Aber kein Mensch kann mir erzählen, es wäre unmöglich. Es ist nicht kostenlos, das ist wahr. Aber die Männer wollen den Preis nicht zahlen. Sonst täten sie es.

 

5. So spielt man denn das Kreuz-Ass des Lenkungswillens: die „Frauenförderung“. Ich kenne keine Frau in irgendeinem Unternehmen, die derart behindert wäre, dass da irgendwas zu fördern oder auszugleichen wäre. Ich kenne auch keine Managerin, die sich – in ihrer Eigenschaft als Frau – in ihrem Karrierewillen ausgebremst fühlt. Und in den Unternehmen wären die Frauen längst oben, wenn man sich von Ihnen – noch einmal: als Frauen! - betriebswirtschaftliche Vorteile verspräche. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung habe ich hingegen keinen Zweifel, dass in erster Linie die Frauen selbst nicht wollen. Dass sie die zweite Reihe attraktiver finden. Das sie sagen: „Spielt ihr da oben eure Spiele, dafür dürft ihr auch ein bisschen früher sterben.“

(Natürlich brauchen wird flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung und die Option der Jobteilung - dort, wo es möglich ist. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich die Dinge dann wesentlich ändern. Die Unternehmen, die das schon tun, haben nur einen höheren Frauenanteil im Mittelmanagement, nicht im Topmanagement. Im interessanten Kontrast zum Öffentlichen Dienst: Dort finden sich viele Frauen in Spitzenpositionen, nicht jedoch in den mittleren Rängen. Das hat nicht nur etwas mit guter Kinderbetreuung zu tun.)

 

6. Über das Ziel der Diskussion, so heißt es, seien sich alle einig. Ist das so? Braucht das Land mehr weibliche Führungskräfte? Es gibt keine belastbaren Daten, die auf einen überlegenen weiblichen Führungsstil hinweisen. Die wenigen Studien, die solches nahelegen, sind methodisch dürftig und eher dem Wunschdenken als wissenschaftlichen Standards verpflichtet. Allerdings gibt es auch keine (Gegen-)Studien, die die Überlegenheit männlichen Führungsverhaltens plausibilisieren. Gesagt wird auch: Nötig sei der Wandel in den Köpfen der Karriere-Entscheider. Wer so redet, muss Topmanager entweder für masochistisch oder debil halten. Wenn dieser „Wandel“ ökonomisch notwendig wäre, dann wäre er längst vollzogen. Niemand verschenkt Produktivitätsreserven. Aber offenbar überleben die Unternehmen auch ohne weibliche Spitze. Und auch Länder mit hohem Frauenanteil in den Führungsetagen schlagen bislang nicht den internationalen Wettbewerb.

 

7. Dennoch will ich mich hier outen: Ich halte Frauen tendenziell für die besseren Führungskräfte. Ich habe einfach mit Frauen in Führungspositionen positive Erfahrungen. Das könnte aber eine quantitative Wahrnehmungsverzerrung sein. Wenn man sich nicht von rein statistischen Ungerechtigkeiten blenden lässt, wird es sehr lange dauern, bis genauso viel weibliche Schwachleister Karriere machen wie männliche.

 

8. Obwohl Frauen statisch ihre Rente fünf Jahre länger beziehen als Männer, hat der Europäische Gerichtshof verhindert, dass Frauen höhere Prämien für ihre Lebensversicherungen zahlen. Die höhere Lebenserwartung der Frauen wurde aber nicht etwa biologisch begründet, sondern mit unterschiedlichen Lebensstilen und geschlechtsspezifischen Präferenzen. Ja, eben. Denn genau diese Lebensstile artikulieren sich auch im Karriereverhalten. Deshalb ist auch der Ruf nach der Quote universalethisch unhaltbar. Wer aber das Geschlecht zum zentralen Verstärker sozialer Ungleichheit erklärt, der muss dafür sorgen, dass Frauen fünf Jahre früher sterben. Das erzwingt die Logik.

 

9. Intellektuell grotesk ist die permanente Vermengung von Gleichberechtigung und Gleichstellung. Erstere wurde über Jahrhunderte opferreich erstritten. Zweitere setzt eine Beobachtung voraus, die eine Gruppe von Menschen erst einmal differenziert, um sie dann analog zum Differenzmerkmal wieder gleichzustellen. Geschlecht ersetzt dabei Eignung: So ist es neuerdings in manchen Unternehmen begründungspflichtig, wenn bei der Besetzung einer Führungsposition gegen eine Frau entschieden wird. Nun habe ich selbst noch keine Personalentscheidung erlebt, die nicht begründet werden musste. Das darf aber jetzt der Fall sein, wenn man sich gegen einen Mann entscheidet? Es liegt in der Logik der Debatte, dass diskriminiert werden muss, um eine angebliche Diskriminierung auszugleichen. Nicht nur der Zweck heiligt hier die Mittel, sondern der Zweck wird durch die Mittel dementiert. Es gibt aber einen Unterschied: Der Mangel an Frauen in wirtschaftlichen Spitzenpositionen ist historisch gewachsen; die Diskriminierung der Männer ist politische Willkür.

 

10. Nun also die Quote. Wer will sie? Die Frauen jedenfalls nicht. Ich habe in all den Jahren keine einzige weibliche Führungskraft getroffen, die die Quote für sich in Anspruch nehmen wollte. Wohl gemerkt: für sich persönlich. Die Quotenfrauen - das sind immer die anderen. (Niemand sieht sich selbst als bloßer Repräsentant einer Fördergruppe innerhalb eines übergeordneten Wohlfahrtskonzeptes. Auch Frau Merkel nicht, auch Frau von der Leyen nicht, auch Frau Schröder nicht.) Dennoch befürworten etliche weibliche Managerinnen die Quote „im Allgemeinen“. Die implizite Abwertung der Anderen wird dann offenbar ebenso übersehen wie die logische Schlampigkeit. Deshalb rufen auch nur Quotenfrauen nach der Frauenquote.

 

11. Und natürlich die Männer. Man könnte meinen, die Quote sei eine besonders intelligente Herrschaftstechnik der Solidargemeinschaft barmherziger Brüder. Man bringt zwar ein statistisches Bauernopfer, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass Männer sich niemals von wirklich leistungsstarken Frauen bedroht fühlen müssen. (Sollte doch mal eine Frau irrtümlich einem Mann vorgezogen werden, dann erleidet die Kampfgemeinschaft in diesen Fällen auch keine Niederlage. Sie beugt sich schlicht einem Irrläufer der Evolution.)

 

12. Es ist inakzeptabel, wenn der Aufstieg eines Mannes vorrangig seinem Mannsein geschuldet ist. Das ist jedoch unwahrscheinlich, zumindest nicht sicher. Unter der Bedingung der Quote wäre der Aufstieg einer Frau ihrem Frausein geschuldet. Und zwar sicher. Das kann niemand mit Wirklichkeitssinn wollen.

 

13. Also, worum geht es? Welche Schlacht wird da geschlagen? Geht es um kriminellen Mädchenhandel? Geht es um die rituelle Verstümmelung weiblicher Geschlechtsorgane? Sollen Massenvergewaltigungen geächtet werden? Nein, darum geht es nicht. Ist wenigstens die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bedroht? Wohl ebenso wenig. Wenn man sich aufgrund des demographischen Wandels mit handfesten ökonomischen Notwendigkeiten konfrontiert sähe, würden ganz automatisch mehr Frauen in Führungspositionen gespült. Dazu bräuchte man keine Quote. Kurzum: Hier leidet niemand. Die Quote ist vielmehr Munition für den empörungsindustriellen Komplex aus Politik und Medien, der immer neue Schlachtfelder eröffnet. Nur die Ungleichheitsgequälten leiden, die sich einen Popanz bauen, um effektvoll auf ihn einschlagen zu können. Dabei maßen sie sich an, im Interesse einer diskriminierten Minderheit zu sprechen, ohne von dieser dazu ermächtigt worden zu sein.

 

 

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