Die Welt
Der Klub
Die Welt 18.03.2010
Ja, Frauen sind oft zu klug, sich den archaischen Positionskämpfen im Primatenrudel auszusetzen. Sich sagen sich: Spielt ihr Männer mal eure Spielchen, macht euch doch kaputt - zur Belohnung dürft ihr dann auch früher sterben. Ja, Frauen sind oft nicht so zielverbissen wie wir, weil sie das Miteinander und den gemeinsamen Weg mindestens so schätzen wie das bloße Ankommen. Ja, Frauen glauben häufig, sie müssten keine Karriere fordern, ihre Leistung spräche schon für sich und müsse nicht weiter präsentiert werden. Ja, Frauen fehlt es an Imponiergehabe, an souveräner Parkettfähigkeit, an … kurz: was man eben so braucht und wir Männer eben haben. Deshalb kommen sie zwar immer häufiger ins mittlere Management, aber selten darüber hinaus. Deshalb sind nur wenige Führungsjobs von Frauen besetzt. Deshalb liegt die Zahl der Frauen in Toppositionen bei etwa 3 Prozent. Deshalb?
Vielleicht sind sie ja Täter – sie lassen uns männlichen Selbstzerstörern gerne den Vortritt. Vielleicht sind sie Opfer - der berühmten Glasdecke, der Mutterfalle, der neuen „Mädchenfalle“ (Annette Anton). Wie dem auch sei - das ist allenfalls der Vordergrund. Dahinter arbeitet eine weitgehend unbekannte Psychodynamik. Dahinter arbeitet die Kampfgemeinschaft solidarischer Brüder - der Klub. Und bevor Sie sich jetzt winden und das verschwörungstheoretische Gottseibeiuns murmeln, bitte ich Sie (vor allem als Mann) um einen Moment der Selbstbeobachtung. Das Besondere an unserem Klub ist nämlich, dass wir gar nichts von unserer Mitgliedschaft wissen. Es wurde kein Schwur abgelegt, es gab kein Aufnahmeritual, kein Mitgliedsbuch existiert, keine Mitglieds-Nummer, nichts. Unser Mannsein reicht. Darüber hinaus gibt es nur eine Übereinkunft, ein heimliches Einverstandensein: Wir treten nicht mit Frauen in Konkurrenz! Deshalb kämpft der Klub nicht gegen Frauen; er lässt den Wettbewerb einfach ausfallen! In den Augen des Klubs sind Frauen nämlich vor allem eins: anders. Sie sind Spezies von einem anderen Stern, laufen „außer Konkurrenz“. Auf Frauen beziehen wir uns nicht, mit denen vergleicht „Mann“ sich nicht. Man vergleicht ja auch nicht Unvergleichliches. Sollte doch mal eine Frau irrtümlich einem Mann vorgezogen werden, dann verdankt sie es nicht ihrer Leistung, sondern ihrem Anderssein. Deshalb erleiden wir Männer in diesen Fällen auch keine Niederlage. Wir beugen uns schlicht einem Irrläufer der Evolution.
Die Macht des Klubs kann man täglich erleben: Männliche Manager reden keineswegs schlecht über ihre weiblichen Kollegen, sie reden gar nicht über sie. Oft hat man den Eindruck, es gäbe keine einzige Frau im Management. Und eben, weil die Mitgliedschaft im Klub unbewusst ist, ist sie feiner gewebt, insofern wirkungsvoller und stabiler. Sie hat aber den gleichen Effekt wie die berühmten Zitierkartelle: Wer nicht zitiert wird, fällt irgendwann aus der Suchmaschine. Schlägt man gar eine Frau für ein Vorstandsmandat vor, dann ist nicht nur ein erhöhter Rechtfertigungsdruck das Problem, sondern vor allem die Überwindung der Schrecklähmung. Man ist derart überrascht, dass man gar nicht erst ernsthaft in die Diskussion einsteigt.
Was wiederum so überraschend nicht ist: Die Situation, das Mann und Frau konkurrieren, ist stammesgeschichtlich neu. Die Arbeitsbereiche waren über Tausende von Jahren getrennt und sind es vielfach gegenwärtig noch. Sowohl von den phylogenetischen wie von den historischen Voraussetzungen ist es ein Novum, dass die Geschlechter konkurrieren. Hinzu kommt natürlich, dass ein etwaiger Wettkampf unfair wäre. Es herrscht einfach keine Chancengleichheit. Erstens sind Frauen billiger; was uns die Preise kaputt macht (in Deutschland heißt das „Dumping“). Zweitens sind sie uns meistens überlegen - wahrscheinlich einfach deshalb, weil sie härter lernen mussten. Überblickt man neuere Studien, dann sind Frauen als Investoren besser, als Konsumenten einflussreicher, als Unternehmerinnen erfolgreicher und als Managerinnen teamfähiger als wir Männer. Und da Wettbewerb – auch das gibt es nur in Deutschland – immer „ruinös“ ist, liegt es nahe, Märkte zu schützen. Das tun wir, indem wir Frauen als Konkurrenten einfach ignorieren. Wenn das nicht mehr hilft: verniedlichen. Und dafür sorgen, dass Elternschaft weiblich bleibt; spätestens das hält die Konkurrenz draußen. Und wenn alles nichts mehr nützt, dann führt ein Sondereinsatzkommando des Klubs unter dem Decknamen „Telekom“ die Quote ein, eine intelligente Herrschaftstechnik, die zwar ein statistisches Bauernopfer bringt, gleichzeitig aber dafür sorgt, dass wir wirklich leistungsstarke Frauen niemals als Bedrohung erleben müssen. An dem Einfallsreichtum des Klubs werden auch Familienministerinnen scheitern, die Männer mit der finanziellen Möhre zum Teilzeit-Vatersein dressieren wollen.
Natürlich widerstrebt es mir als intelligentem Menschen, von „der“ Frau und „dem“ Mann zu reden, gar von einem Klub „aller“ Männer. Aber wie soll man diskutieren? Und es gibt sie ja auch, einige von uns, die den Klub verraten und Frauen den Vortritt lassen. Die mindestens für eine weibliche Nachfolge sorgen – bewusst entschieden, nicht nur mangels männlicher Alternative. (Wir sollten überlegen, ob das nicht unter das Antidiskriminierungsgesetz fällt.) Ein Problem bleibt dabei allerdings ungelöst: Auf der Vorstandetagen gibt es meist keine Damentoilette. Was bei dem allgemeinen Kostendruck nun wirklich gegen sie spricht.