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Manager Magazin


Das anständige Unternehmen


manager magazin 11/2011

 

Welch ein Getümmel! Der Bürger steht fassungslos vor unfassbaren Staatsschulden, Too-big-to-fail-Zynismen, mit denen sich Politik und Finanzindustrie wechselseitig schützen, TINA-Advokaten, die ihm die Selbstabschaffung der Vernunft empfehlen, Gehaltsexzessen einer kleinen Managerclique, die sich zulasten der Allgemeinheit nach selbstgesetzten Regeln schamlos bereichert und aus der Wertegemeinschaft der Zivilisierten längst verabschiedet hat. Wirtschaftlicher Erfolg, so seine Schlussfolgerung, verdankt sich nicht mehr bürgerlichen Tugenden wie Fleiss, Ausdauer, Talent und unternehmerischem Risiko, sondern der Zugehörigkeit zu einer neofeudalen Funktionärskaste und ihrer Nähe zum Kapitalstock der Gesellschaft.

Überall mit Händen zu greifen ist die Sehnsucht nach Rechtschaffenheit, nach Dauer, Ordnung und ruhiger Arbeit, nach Führungspersönlichkeiten mit „Mass und Mitte“ (Röpke), nach einer Wirtschaft für das „ganze Haus“ - und nicht nur für einige Privilegierte.

 

Falls nun auf den Begriff gebracht werden soll, was diese Sehnsucht bündelt, so wüsste ich nur ein Wort: Anstand. Die Menschen wollen Anstand in der Politik, auf den Märkten – und in der Unternehmensführung.

 

Dieser Anstand muss freilich, will er nicht als Ewiggestrigkeit verspottet werden, auf Moralisierung verzichten. Lassen wir also die selbstberuhigenden Ethik-Klauseln beiseite, die dekorativen Corporate-Governance-Listen, das Nachhaltigkeits-Geraune, die unternehmenskulturelle Sättigungsbeilage des Sponsorings.

Wollen wir Anstand als nüchterne, rationale Praxis begreifen, dann müssen wir uns noch einmal des Beginns der gegenwärtigen Krise erinnern. Die Krise brach in den USA auf einem Marktsegment aus, wo die Politik jahrelang eine fahrlässige Kreditvergabe anreizte. Die Banken wurden genötigt, Kredite auch an nicht-solvente Bürger zu geben, man beschränkte das Haftungsrisiko für den Bürger auf den Verlust des Hauses, ermutigte die Bürger zu massenhaftem Häuserkauf, die Bauwirtschaft boomte, die Bewertung der Häuser schoss in die Höhe, was wiederum die Bürger verführte, sich auf der Basis dieser Bewertung erneut Geld für Konsumzwecke zu leihen, was wiederum die durch Incentives ermutigten Bankangestellten bewog, ihre Vernunft auszuschalten und sich wechselseitig undurchschaubare Risiken zu verkaufen. Wenn dann heute eine Politik, die ganze Volkswirtschaften durch ihr anreizgetriebenes Mikromanagement in den Ruin treibt, die Wirtschaft beschuldigt, sie betreibe anreizgetriebenes Mikromanagement, dann ist das von atemberaubender Selbstgerechtigkeit.

 

Der tiefere Grund für die Krise liegt also in dem herrschenden Führungs-Verständnis. Es geht immer noch von Organisationsformen aus, in der zusammengefügte Individuen anzuweisen, zu überwachen und durch Parallelisierung ihrer finanziellen Interessen zu gängeln sind. Dies unter konsequenter Ignorierung der Nebenwirkungen – der Korrumpierung der Menschen.

Wir werden nichts ändern, wenn wir nicht das Menschenbild überprüfen, das dem Führen mit Anreizen zugrunde liegt. Und das ist von tiefem Misstrauen geprägt. Es unterstellt, dass man einem Mitarbeiter grundsätzlich nicht trauen kann und nichts zutrauen kann. Diesem Misstrauen entspricht eine manipulative Grundhaltung, die sich als Appell an das Eigeninteresse tarnt. Es sagt: „Ich glaube dir nicht, dass du dich vernünftig verhältst, deshalb muss ich dich verführen. Wenn du dich verführen lässt, wirst du belohnt.“

Wenn uns jemand für unser Handeln belohnt, sagt er uns unterschwellig: „Du hast etwas getan, was ich will. Sonst hätte ich dich nicht belohnt.“ Und wer sich belohnen lässt, bestätigt diese Fremdbestimmung: „Ich tue nicht das, was ich will, sondern was du willst.“  Der Mensch erlebt sich mehr und mehr als Reiz-Reaktions-Automat, als Marionette, als Erfüllungsgehilfen fremder Absichten. Glaubt jemand ernsthaft, die vielen kleinen Demütigungen des Sichbeugens unter fremdem Steuerungswillen blieben folgenlos? Glaubt jemand ernsthaft, der konditionierende Effekt, der bei jeder Handlung nur noch die Konsequenzen in der eigenen Brieftasche kalkuliert, habe keine Konsequenzen für den „Anstand“ der Mitarbeiter? Im Extremfall wird die Firma eine seelenlose Söldnertruppe, der man fortwährend die Möhre hinhalten muss, damit sie sich überhaupt bewegt.

Anständig hingegen ist ein Unternehmen, wenn es in seinem gesamten individuellen wie institutionellen Verhalten den Menschen keinen Anlass bietet, sich in ihrer Selbstachtung verletzt zu fühlen. Was heisst das in der Praxis?

 

Das anständige Unternehmen verzichtet auf Anreize. Es hat Mitarbeiter, denen Bindung an eine sinnvolle, herausfordernde Aufgabe wichtiger ist als Einkommensmaximierung. Denen man vertraut, etwas zutraut und als Erwachsene respektvoll behandelt. Denen man die Unterwerfung unter entwürdigende Erziehungsrituale und Fluchtverhinderungssysteme erspart. Das anständige Unternehmen legt grösste Sorgfalt auf die Auswahl anständiger, charakterstarker Menschen. Es macht vertrauensfähige Menschen zu Führungskräften. Und trennt sich von jenen, die Autorität mit autoritär verwechseln.

Das anständige Unternehmen verzichtet auf Kontrollexzesse: auf wuchernde Reporting- und Monitoringsysteme, auf bibeldicke Manuale, die auch noch die kleinste Rolle im Unternehmen festzurren. In einem anständigen Unternehmen können sich daher die Routinen der täglichen Kooperationen kostengünstig entfalten. Das anständige Unternehmen sorgt für stabile Freiräume, weniger Aufsicht, mehr Selbstkontrolle, Verantwortung statt Sorgfaltspflicht, keine expliziten Versprechungen bei individueller Zielerreichung. In einem anständigen Unternehmen arbeiten alle am Erfolg aller mit.

In einem anständigen Unternehmen sind Menschen niemals nur Mittel, sondern immer auch Zweck. Sie sind keine defizitären Mängelwesen, sondern selbstverantwortlich in ihrem Streben nach Glück und Lebenssinn. Sie sind keine zu erziehenden Kinder, sondern Erwachsene, denen man auch Erwachsensein zutrauen kann.

Das anständige Unternehmen verzichtet auf Subventionen – denn Subventionen sind nichts anderes als Anreize, Produkte zu verkaufen, deren Preisschilder lügen. Das anständige Unternehmen kennt Versagen, Pech und Haftung: Es erlaubt sich nicht, mit der Hand in der Tasche anderer Leute zu leben; und es erlaubt der Politik nicht, mit ihrer Pannenhilfe den Markt zu zerstören.

Noch einmal: Wir werden nichts ändern, wenn wir nicht das Menschenbild überprüfen und die daraus abgeleiteten Führungsstrukturen. Diese Chance ist nie besser als in der Krise. 

 

 

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